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Lampenfieber ist kein Defekt

Emanuel Bütler
vor 6 Tagen
2 Min. Lesezeit

Herzklopfen vor dem Auftritt ist nicht das Problem. Entscheidend ist, wie Sie es deuten. Zu diesem Schluss kommt eine neue Übersicht aus der Musikerforschung, die im Oktober 2026 erschienen ist.

Als Bratschist im Berner Symphonieorchester kenne ich das Gefühl aus eigener Erfahrung: kalte Hände, ein trockener Mund und der Gedanke, dass genau jetzt alles klappen muss. Lange galt Lampenfieber als etwas, das man möglichst wegbekommen sollte. Die neue Forschung sieht das differenzierter, und das ist für alle eine gute Nachricht, die vor Publikum spielen, singen oder sprechen.

Nicht die Aufregung zählt, sondern die Bewertung

Im Fachjournal Frontiers in Psychology haben vier Forschende aus Spanien, Japan, Slowenien und der Schweiz eine ganze Reihe neuer Studien zur Auftrittsangst zusammengefasst. Ihr zentraler Befund: Wie stark Lampenfieber jemanden beeinträchtigt, hängt nicht von der «absoluten Menge an Stress» ab, sondern davon, wie die Person die Situation bewertet.

Dieselbe körperliche Aufregung kann also zwei Bedeutungen haben. Lautet die innere Botschaft «Das schaffe ich nicht», wird sie zur Bedrohung. Lautet sie «Mein Körper macht sich bereit», wird sie zur Herausforderung. Damit stellen die Autor:innen auch das klassische Modell infrage, wonach es einfach ein «ideales Mass» an Nervosität gibt.

Ihr Fazit ist bemerkenswert: Auftrittsstress sei «keine Krankheit, die ausgerottet werden muss, sondern eine Ressource», die man nutzen lernen kann.

Was nachweislich hilft

Die Studien in der Sammlung stützen mehrere Ansätze:

  • Gedanken prüfen und umdeuten, wie in der kognitiven Verhaltenstherapie

  • Akzeptanz statt Kampf, also die Nervosität zulassen, statt sie wegzudrücken (ACT, Achtsamkeit)

  • Üben unter Druck: simulierte Vorspiele, damit die Ernstsituation vertraut wird

  • Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Rückhalt durch das Umfeld

Ein Detail hat mich als Musiker besonders angesprochen. Hohe Ansprüche an sich selbst schützen nicht automatisch: Wo Ehrgeiz in Perfektionismus kippt, steigt die Angst eher. Die Autor:innen empfehlen deshalb, Musikhochschulen sollten vorbeugende Programme fest in die Ausbildung einbauen, statt erst zu reagieren, wenn es schon brennt.

Und die Hypnose?

Zur Hypnose sagt die Übersicht nichts, sie wurde in diesen Studien nicht untersucht. Das will ich offen sagen.

Trotzdem passt der Befund gut zu meiner Arbeit in der Praxis. In der Hypnose geht es selten darum, Nervosität wegzuzaubern. Viel eher geht es darum, innere Bilder und Bewertungen zu verändern: Aus «Ich darf keinen Fehler machen» kann zum Beispiel «Ich bin vorbereitet und darf musizieren» werden. Hypnose kann so eine sinnvolle Ergänzung zu gutem Üben und mentalem Training sein, aber kein Ersatz dafür.

Drei Impulse fürs nächste Probespiel

  1. Benennen Sie das Herzklopfen neu. Sagen Sie sich zum Beispiel: «Mein Körper stellt mir Energie bereit.»

  2. Proben Sie den Ernstfall. Spielen Sie Ihr Programm vorher vor Kolleg:innen, mit Aufnahmegerät oder hinter einem Paravent.

  3. Prüfen Sie Ihren inneren Massstab. Ein gutes Probespiel ist musikalisch überzeugend, nicht fehlerfrei.

Wenn Lampenfieber Sie trotz guter Vorbereitung ausbremst, lohnt sich ein Gespräch mit einer Fachperson.

Quelle: Casanova, O., Yoshie, M., Habe, K. & Gomez, P. (2026). Editorial: Music performance anxiety, volume II. Frontiers in Psychology, 17. Erschienen am 12.10.2026.

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